Lass uns nicht von Liebe reden

Von mir aus braucht es nicht zu tagen,
ich wünschte mir, es bliebe Nacht,
lass mich bis morgen früh um acht
an deinen feuchten Lippen nagen,
ich werde Eva zu dir sagen.

Geniessen wir den Garten Eden,
gib dich mir hin und schliess
deine Augen wie Fensterläden,
wir sind nur kurz im Paradies.
Lass uns nicht von Liebe reden.
 

copyright by siegfried schreck  - 1987
Zurück in die Versteinerung

Seit deinem Abschied
brennt die Kerzenstimme
unentwegt im Fenster.
Gewissheit gab
der Flamme Nahrung,
dass du eines Tages kommst
und an die schwere 
Steintür pochst.

Die alte Frau,
erkennst du sie?
Erzähle ihr dein Leben,
während sie die
Kerze löscht,
die deinen Namen rief.

Das ist dein Zurück,
leg ab dein Fleisch
wie einen Mantel
und sei willkommen,
du bist kein Fremder.

Deine Mutter,
der runzlige graue Stein,
hat dich wieder.
 

copyright by siegfried schreck  - 1987
Ride

Einmal ohne Blei an den Füssen,
schon der Gedanke daran macht leicht,
die Vögel des traurigens Lichts
verlassen den offenen Käfig
und das Wetter wird schön
so lasst uns reiten
auf elektrischen Elefanten,
die Flüsse hindurch zu
anderen Ufern
über die Alpen nach Italien
oder zu neuen Horizonten,
das Leben hat
unterirdische Gänge
und tausend Geräusche,
die Pflicht ruft vergeblich,
wir sind schon zu weit,
hinter uns fällt der Vorhang,
verfallen die Eintrittskarten
für den Zirkus.
copyright by siegfried schreck  - 1987
Szenen aus dem Jammertal

Gerötete Augen
und prall gefüllte Tränensäcke
empfangen den Gast
auf seiner Reise,
hier, wo die Menschen
sich in harten Steinen verbeissen,
im Jammertal,
wo sie ihren Treibsand von
der einen in die andere
Wüste bringen,
blasen sie Trübsal
auf ihren Instrumenten,
und bricht der Abend an,
schreit die Verzweiflung stumm
aus allen Mauern,
baden  sie in ihren
eigenen Tränen,
aus purem Spass an tiefer Qual,

Nur nicht auffallen,
sage ich mir,
lass sie ihren Sand
von der einen in die 
andere Wüste bringen,
zeige ihnen nicht
das vor Freude springede 
Herz in der Brust,
respektiere ihre Sitten
und Gebräuche,
weine und jammere mit ihnen
grundlos,
sprich nicht von der Zukunft,
von keinem neuen Morgen,
sei schuldlos schuldig,
so wie sie,
lebendig leblos.
 

copyright by siegfried schreck  - 2001